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Barrierefrei hören und kommunizieren in der Arbeitswelt

Was ist möglich, um die Inklusion schwerhöriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen voranzutreiben? Das mit Förderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aufgebaute Projekt "hörkomm.de" der DIAS GmbH hat die Antwort – es unterstützt Unternehmen und Verwaltungen bei der hörfreundlichen, barrierefreien Gestaltung von Arbeitsumgebungen. Simone Lerche, Referentin der DIAS GmbH, berichtet im Gespräch mit BQM von ihren spannenden Projekten.

BQM: Das Projekt "hörkomm.de" unterstützt die Inklusion schwerhöriger Beschäftigter. Was hatten Sie im Projekt vor und wie verlief dabei die Zusammenarbeit mit Unternehmen?

Simone Lerche: Im Projekt "hörkomm.de" haben wir untersucht, wie Betriebe bei der Schaffung barrierefreier Arbeitsumgebungen für schwerhörige Menschen unterstützt werden können. Dafür haben wir mit Experten zusammengearbeitet, zum Beispiel aus der Selbsthilfe, der Hörtechnik oder dem Verbraucherschutz. Und wir haben betriebliche Erfahrungen ausgewertet und neue Konzepte in Zusammenarbeit mit Unternehmen erprobt.

Entstanden ist das Informationsportal www.hörkomm.de mit dem Online-Leitfaden "Barrierefrei hören und kommunizieren in der Arbeitswelt" und vielen betrieblichen Best-Practice-Beispielen. Damit wollen wir Arbeitgeber, Personalverantwortliche und Schwerbehindertenvertreter, aber auch Betroffene bei der Gestaltung hörfreundlicher Arbeitsumgebungen unterstützen.

BQM: Sie haben einen Leitfaden entwickelt, der Unternehmen dazu anregen soll, das Thema Schwerhörigkeit stärker in den Fokus zu nehmen. Warum?

Simone Lerche: Bereits jeder vierte der 50- bis 59-Jährigen ist von einem Hördefizit betroffen. Auch andere Hörbeeinträchtigungen wie Tinnitus sind weit verbreitet. Angesichts des demografischen Wandels und längerer Lebensarbeitszeiten sind auch in Unternehmen vermehrt höreingeschränkte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anzutreffen. Trotzdem sind Hörprobleme in der Berufswelt nur selten ein Thema. Dabei können die Folgen einer versteckten Schwerhörigkeit gravierend sein: Sie reichen vom Konflikt im Team bis zu Überlastung und Burn-out.

Unternehmen können Einiges tun, um das gute Hören in den Fokus zu stellen. Zum Beispiel deutlich machen, dass Schwerhörigkeit kein Tabu ist und dass es wichtig ist, Hilfsmittel zu nutzen. Airbus führte mit uns einen "Tag des guten Hörens" durch, um die Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren und ein Zeichen zu setzen. Solche Aktionen können Hemmschwellen bei Mitarbeitern abbauen.

BQM: Wie wurde der Leitfaden bisher angenommen?

Simone Lerche: Unsere Internetseite wird häufig besucht und wir bekommen viele direkte Anfragen. Trotzdem stecken Unternehmen in Sachen Barrierefreiheit oft noch in den Kinderschuhen. Deswegen werden wir hier weiterhin sensibilisieren.

BQM: Mit welchen Unternehmen haben Sie in der Vergangenheit zusammengearbeitet und gab es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen lagen?

Simone Lerche: Zum Beispiel mit Airbus, der AXA Konzern AG, Fraport, OTTO, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, der Elbschule, mit Budni oder der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Jedes Praxisbeispiel bildet einen wichtigen Teil des Ganzen. Beispiele für raumakustische Maßnahmen oder zum Einbau von Höranlagen liegen uns deshalb ebenso am Herzen wie beispielsweise Aktionstage, mit denen "Barrieren in den Köpfen" gelöst und ein offener Umgang mit Höreinschränkungen gefördert werden.

BQM: Viele Betroffene gehen sicherlich nicht gerne offen mit ihrer Höreinschränkung um. Wie stellt ein Unternehmen eigentlich fest, dass es einen Bedarf an einer hörfreundlicheren Umgebung gibt?

Simone Lerche: Ob durch Schwerhörigkeit tatsächlich bereits Probleme im Unternehmen entstehen, lässt sich nicht ohne weiteres ermitteln. Höreinschränkungen werden durch ihre schleichende Entwicklung von den Betroffenen selbst oft lange nicht bewusst wahrgenommen, und wenn, wird nicht gerne darüber gesprochen. Prinzipiell gilt aber: Je älter die Belegschaft ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter mit Hörproblemen beschäftigt sind. Sind viele Mitarbeiter über 45 Jahre alt, empfehlen wir, erste Angebote zu schaffen.

Ein weiteres Thema ist die Ermittlung von Lärmbelastungen am Arbeitsplatz. Studien belegen, dass Lärm und Störgeräusche die Leistungsfähigkeit aller Beschäftigten einschränken – dies gilt auch an Büroarbeitsplätzen. Wenn Mitarbeiterbefragungen, Arbeitsplatzanalysen oder Gefährdungsbeurteilungen geplant sind, bietet es sich deshalb an, Fragen zum Thema Lärmbelastung am Arbeitsplatz zu integrieren.

BQM: Die DIAS GmbH engagiert sich mit zahlreichen Projekten im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion. Welche Dienstleistungen bietet das Unternehmen außerdem an?

Simone Lerche: Neben unseren Projekten, die wir für öffentliche Auftraggeber durchführen, bieten wir eine Reihe von Dienstleistungen an, die Unternehmen bei der Umsetzung von Barrierefreiheit und Inklusion unterstützen: vom Sensibilisierungs-Workshop für das Management bis zur Durchführung von Aktionstagen für die Belegschaft; von der Beratung zum Design barrierefreier Produkte bis zum Barrierefreiheits-Test der Webangebote von Unternehmen. Weitere Infos finden Sie online auf unserer Website unter www.dias.de.

BQM: Frau Lerche, herzlichen Dank für das Gespräch!