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Barrierefreie Kommunikation als Führungsaufgabe

Menschen mit Schwerhörigkeit treffen im Arbeitsleben auf viele Hörbarrieren. Doch über ihre Probleme und mögliche Lösungen ist in Betrieben kaum etwas bekannt. Das Projekt hörkomm.de hat gemeinsam mit Unternehmen und Experten Lösungsansätze erprobt und einen Leitfaden zur Gestaltung hörfreundlicher Arbeitsplätze entwickelt.

Manuela Seidel hört stets genau zu. Wenn sie sich unterhält, schaut sie ihre Gesprächspartner direkt an und wirkt sehr konzentriert. „Ich galt immer als sehr aufmerksame Zuhörerin“, sagt die Erzieherin. Doch in den vergangenen Jahren war neben dem Interesse am Gesprächsinhalt noch ein anderer Aspekt ausschlaggebend für ihre Konzentration: Sie musste sich beim Zuhören anstrengen, um der Unterhaltung folgen zu können. „Einige Silben habe ich nicht verstanden und musste mir etwas zusammenreimen“, sagt sie heute. Sie versuchte, die Worte dem Sinn nach zu ergänzen oder sie von den Lippen ihres Gegenübers abzulesen. Ohne es zunächst zu bemerken, hatte sich bei ihr eine hochgradige Schwerhörigkeit entwickelt.

Inzwischen trägt die 50-Jährige ein Hörgerät. Und doch gibt es Situationen, die das Verstehen extrem beeinträchtigen. Etwa weil Arbeitsräume mit vielen glatten Flächen ausgestattet sind, von denen Schall reflektiert und so Sprache überlagert und verfremdet wird. Auch eine Geräuschkulisse aus Stimmen oder Maschinenlärm sowie ein vom Zuhörenden weit entfernter Redner erschweren das Verstehen.

Höreinschränkungen sind ein Tabu

So wie Manuela Seidel geht es vielen Menschen. Schwerhörigkeit ist weiter verbreitet als gemeinhin bekannt. Unter den 50- bis 59-Jährigen hört bereits jeder Vierte nicht mehr gut − eine Zahl, die auch für das Arbeitsleben eine Rolle spielt. Denn vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und einer steigenden Lebensarbeitszeit werden zukünftig mehr Menschen mit einer Höreinschränkung in Verwaltungen und Unternehmen tätig sein.

Welche Folgen die Schwerhörigkeit für einen berufstätigen Menschen hat, können dessen gut hörende Kolleginnen und Kollegen meist gar nicht nachvollziehen. Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass schwerhörige Personen nicht einfach alles leiser hören, sondern oftmals Schwierigkeiten haben, ähnlich klingende Laute zu unterscheiden. Oder dass ein Hörgerät das Gehör zwar unterstützt, aber nicht ersetzt. Weithin unbekannt ist auch, auf welche Hürden Menschen mit Hörminderungen stoßen: Ob Nebengeräusche in Kantinen, hallige Büroräume oder Konferenzen ohne Kommunikationsanlagen – viele Faktoren werden zu Barrieren der Kommunikation.

hörkomm.de zeigt Lösungen auf

Der Online-Leitfaden „Barrierefrei hören und kommunizieren in der Arbeitswelt“ unterstützt Unternehmen und Verwaltungen dabei, das Thema Schwerhörigkeit aus der Tabuzone zu holen und hörfreundliche, barrierefreie Arbeitsumgebungen zu schaffen. Er besteht aus verschiedenen Rubriken und beschreibt beispielsweise eine hörfreundliche Unternehmenskultur, die „Barrieren in den Köpfen“ löst und einen offenen Umgang mit Höreinschränkungen fördert.

Hörfreundliche Unternehmenskultur

Wie in der Zusammenarbeit mit Fachleuten und Betroffenen deutlich wurde, ist es besonders wichtig, das Thema auf allen Betriebsebenen ins Bewusstsein zu rücken. Oft verschweigen Betroffene ihre Einschränkung und vermeiden es, wenn es noch irgendwie geht, ein Hörgerät zu tragen. Ihre Sorge vor einer Stigmatisierung ist zu groß. Doch die Folgen einer versteckten Schwerhörigkeit können ebenfalls gravierend sein. Sie reichen vom sozialen Rückzug – „weil man ja sowieso nicht alles versteht“ – bis hin zur Überforderung und zum Burn-out. Eine hörfreundliche Unternehmenskultur trägt dazu bei, ein solches Desaster zu verhindern.

Ein Unternehmen kann mit vielen verschiedenen Maßnahmen signalisieren: Uns ist gutes Hören wichtig. Es ist kein Tabu, ein Hörgerät zu tragen. Für Menschen mit Höreinschränkung gilt Chancengleichheit.

Ein Beispiel für die praktische Umsetzung liefert der Flugzeughersteller Airbus in Hamburg. Um die Kollegen auf das Thema Schwerhörigkeit aufmerksam zu machen, veranstaltete die Schwerbehindertenvertretung auf Initiative von hörkomm.de den Aktionstag „Gutes Hören“. Auf ihrem Betriebsgelände konnten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Infoständen bei Hörgeräteakustikern und einer Beraterin der Selbsthilfe über die Thematik informieren. In einem Hörmobil wurden kostenlose Hörtests durchgeführt. Die Veranstaltung stieß auf rege Beteiligung der Belegschaft. Das Hören wurde zum Gesprächsthema unter den Kolleginnen und Kollegen und der offensive Umgang mit dem Thema ermutigte, eigene Probleme anzugehen.

Gute Akustik erleichtert Arbeitsalltag

Der Leitfaden bietet ebenso Hilfe für Planer. Denn in Büros und Besprechungsräumen mit vielen gläsernen und anderen schallharten Flächen können störende Schallreflexionen das Sprachverstehen extrem belasten. Bereits beim Neubau sollte daher an eine gute Akustik gedacht werden. Um diese sicherzustellen, sollten Architekten angehalten werden, sich an den Empfehlungen der DIN 18041 zur „Hörsamkeit in Räumen“ zu orientieren. Doch auch in schon bestehenden Gebäuden gibt es Möglichkeiten der Nachrüstung.

Das zeigt etwa das Beispiel der schwerhörigen Angestellten Claudia Möller bei der AXA Konzern AG. Claudia Möller arbeitete in einem Einzelbüro mit vielen gläsernen und anderen schallharten Flächen. Dies führte zu störenden Schallreflexionen: Das Sprachverstehen wurde für die Hörgeräteträgerin extrem anstrengend. Sie wandte sich an das Integrationsamt und ließ den Raum durch einen technischen Berater begutachten. Gemeinsam mit einem Akustikexperten suchte man dann nach einer Lösung. Diese kam schließlich zustande, indem schallabsorbierende Wandpaneele über ihrem Schreibtisch angebracht wurden, die die Akustik deutlich verbesserten. Die Kosten der Maßnahmen übernahm anteilig die Fürsorgestelle des Integrationsamtes.

Um Menschen mit Höreinschränkungen die Teilnahme an Konferenzen und Besprechungen uneingeschränkt zu ermöglichen, sind Anlagen zur technischen Hörunterstützung hilfreich. Sie können Wortbeiträge direkt auf die Hörgeräte der Zuhörenden oder ausgeteilte Kopfhörer übertragen. Störgeräusche wie etwa Rascheln und Husten lassen sich selbst mit einem Hörgerät nur schwer filtern. Die direkte Übertragung von Sprachinhalten ans Ohr hingegen ist nebengeräuschfrei. Die Tonsignale werden dann je nach Höranlage über Induktionsschleife, Funkwellen oder Infrarotlicht übertragen. Der Leitfaden erklärt, welche Anlagen für welche Verwendung geeignet sind und dokumentiert auch hier verschiedene betriebliche Beispiele.

Angepasste Sicherheitskonzepte

In Sachen Brandschutz sind Unternehmen unter bestimmten Bedingungen sogar dazu verpflichtet, ihre Sicherheitskonzepte auf Menschen mit Schwerhörigkeit abzustimmen. Hierzu müssen Alarmsignale nach dem sogenannten Zwei-Sinne-Prinzip zusätzlich visuell oder taktil vermittelt werden. So können zum Beispiel gut sichtbare Lichtblitze oder farbige Rundumleuchten in Räumen und Fluren signalisieren, dass Gefahr droht. Neben praxisnahen Checklisten bietet der Leitfaden auch betriebliche Beispiele. In einem Gebäude des Bau- und Liegenschaftsbetriebes Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wurde ein hörbehindertengerechtes Aufzugnotrufsystem installiert. Über einen in der Aufzugkabine befindlichen Touchscreen können die Fragen der Leitstelle visualisiert und über berührungsempfindliche Bedienfelder beantwortet werden.

Online-Leitfaden und Infothek verfügbar

Auf der Internetseite www.hörkomm.de findet sich neben dem Leitfaden auch eine Infothek. Hier sind weitere Informationen rund um das Hören zu finden, etwa zu Hörgeräten und ihrer Finanzierung. Die Liste „Wichtige Adressen“ reicht von Beratungsstellen der Selbsthilfe über Kostenträger bis hin zu Anbietern von Höranlagen oder schallabsorbierenden Materialien. So unterstützt das Projekt alle, die sich darum bemühen, dass Hören und Kommunizieren am Arbeitsplatz eine uneingeschränkte Selbstverständlichkeit wird.

Das Projekt hörkomm.de wurde mit Förderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aufgebaut und unterstützt Unternehmen bei der Schaffung hörfreundlicher Arbeitsumgebungen.