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Schwerhörigkeit und Beruf

Ohne Stress hören und kommunizieren

Wer schlecht hört, hat Probleme, an Gesprächen und Diskussionen teilzunehmen. Das Projekt hörkomm.de hat ­– gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales – gemeinsam mit Unternehmen und Experten Lösungsansätze zur Inklusion schwerhöriger Menschen in der Arbeitswelt entwickelt.

Ann-Britt Petersen

Zu den Stressauslösern am Arbeitsplatz gehören nicht nur Zeitdruck und hohes Arbeitsaufkommen. Ein wesentlicher Faktor wird oftmals überhaupt nicht bedacht: das Hören. Schon bei einem Normalhörenden kann das Arbeiten im Großraumbüro, in einer Lärmkulisse voller Stimmengewirr und Betriebsgeräuschen, Stressreaktionen im Körper auslösen. Für Menschen, die unter einer Höreinschränkung leiden, wird die Situation zu einer extrem starken Belastung. „In einem Unternehmen, in dem Kundengespräche die Hauptrolle spielen, so wie es bei uns der Fall ist, steht ein Mitarbeiter, der sein Gegenüber schlecht versteht, unter Dauerstress“, weiß Dr. Marisa Biedermann, Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes im AXA Versicherungskonzern am Standort Köln. Nicht nur dauerndes Nachfragen ist dann unangenehm für den Betroffenen, auch die kognitive Leistung, Nicht-Gehörtes mit verstandenen Elementen in Zusammenhang zu bringen, sorgt für eine ständige Anspannung.

Hörtest-Aktion bei AXA am Standort Köln

Um diesem Stressfaktor auf den Grund zu gehen, organisierte Marisa Biedermann, die aufgrund eines eingeschränkten Hörvermögens selber Hörgeräte trägt, mit ihrem Team eine Hörtest-Aktion für das Unternehmen am Standort Köln. Nach und nach lädt der Betriebsärztliche Dienst die Mitarbeiter aller Abteilungen zum Hörtest in seine Behandlungsräume ein. Hier ist einmal die Woche ein externer Hörgeräteakustikmeister anwesend und übernimmt die Audiometrie. Die Resonanz ist erstaunlich gut, sagt Marisa Biedermann. Bisher wurden 280 Mitarbeiter getestet, etwa zehn Prozent davon hatten ein auffälliges Ergebnis, ihnen wurde zur weiteren Abklärung die Konsultation eines HNO-Arztes empfohlen.

Bei der Aktion der Betriebsärzte in Köln bestätigt sich, was auch schon andernorts festgestellt wurde, die Zahl der Menschen mit Höreinschränkungen ist weiter verbreitet als allgemein wahrgenommen wird. Nach einer Studie des Mediziners Wolfgang Sohn (2000) sind 19 Prozent der Deutschen über 14 Jahre mehr oder weniger stark hörbeeinträchtigt. Besonders hinsichtlich der Altersschwerhörigkeit ist der Blick auf die Zahlen interessant. Schon unter den 50- bis 59-Jährigen hört bereits jeder Vierte nicht mehr gut (Sohn, W., Jörgenshaus, W., 2001). Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und einer steigenden Lebensarbeitszeit werden somit zukünftig auch mehr schwerhörige Menschen in den Betrieben tätig sein. Doch Höreinschränkungen und der Umgang mit ihnen sind in Betrieben kaum ein Thema. Betriebsärzte könnten dazu beitragen, die Problematik aufzuzeigen und zu Lösungen anzuregen.

Ein Hörgerät allein reicht häufig nicht aus

Welche Folgen die Schwerhörigkeit für einen berufstätigen Menschen hat, können normalhörende Kollegen oft nicht nachvollziehen. Doch wenn bestimmte Frequenzen nicht mehr gehört und ähnlich klingende Laute nicht mehr unterschieden werden können, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Ab einer Minderung der Hörfähigkeit um 25 Dezibel geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) von einer geringgradigen Schwerhörigkeit aus. Ab 30 Dezibel ist, je nach Art der Hörstörung, bereits ein Hörgerät indiziert.

Allerdings reicht ein Hörgerät allein oft nicht aus. Denn die Betroffenen stoßen im Arbeitsleben ständig auf Situationen, in denen das Verstehen zusätzlich erschwert wird, etwa weil Büroräume mit vielen glatten Flächen ausgestattet sind, von denen der Schall reflektiert und nicht absorbiert wird. So entsteht ein Nachhall, der das Gesagte verfremdet. Auch Nebengeräusche und ein vom Zuhörer weit entfernter Redner in Konferenzen oder Vorträgen erschweren das Verständnis. Betroffene, deren Richtungshören nicht mehr funktioniert, können bei schnellen Sprecherwechseln den Wortbeiträgen kaum noch folgen.

Leitfaden zur Verbesserung der Raumakustik

Wie sich solche Barrieren für Menschen mit Hörstörungen abbauen lassen, zeigt das Projekt hörkomm.de. Es wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert und von dem Forschungsunternehmen DIAS GmbH durchgeführt. Gemeinsam mit Experten und Unternehmen haben die Projektmitarbeiter Hör-Barrieren analysiert und Lösungsansätze für eine hörfreundliche Arbeitsumgebung entwickelt. Festgehalten sind sie in einem schriftlichen Leitfaden, der auf der Internetseite www.hörkomm.de veröffentlicht und bis zum Projektabschluss Ende 2014 laufend ergänzt wird.

Der Leitfaden umfasst verschiedene Handlungsfelder, in denen Barrierefreiheit für schwerhörige Beschäftigte geschaffen werden kann. Dazu gehören eine integrative Unternehmenskultur, raumakustische Maßnahmen und technische Lösungen.

Schwerhörigkeit nicht länger als Tabu ansehen

Im Gespräch mit Experten und Betroffenen zeigte sich, wie wichtig es ist, das Thema Hörminderung auf allen Betriebsebenen ins Bewusstsein zu rücken. Oft wagen Betroffene es nicht, sich im Unternehmen zu ihrer Einschränkung zu bekennen. Sie vermeiden sogar, ein Hörgerät zu tragen, weil sie eine Stigmatisierung befürchten. In der heutigen Gesellschaft wird das Tragen eines Hörgerätes häufig mit der negativen Vorstellung von Alter und Gebrechlichkeit verbunden. Der hörkomm-Leitfaden geht auf diese Barrieren ein und erläutert, was Unternehmen ändern können. Grundlegend ist dabei das Signal an die Mitarbeiterschaft, dass das Thema Hören und die möglichen Einschränkungen keinem Tabu unterliegen und auch für Menschen mit Hörminderungen Chancengleichheit gilt.

Aktionstag bei Airbus in Hamburg

Das Beispiel des Flugzeugherstellers Airbus in Hamburg macht die praktische Umsetzung deutlich. Dort veranstaltete die Schwerbehindertenvertretung des Konzerns den Aktionstag „Gutes Hören“. Auf ihrem Betriebsgelände konnten sich Airbus-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter an Infoständen von Hörgeräteakustikern, dem Deutschen Schwerhörigenbund und hörkomm.de-Vertreterinnen über viele Aspekte rund um das Thema informieren. In einem zusätzlich angereisten Hörmobil wurden kostenlose Hörtests durchgeführt. Die Veranstaltung stieß auf reges Interesse bei den Mitarbeitern. Einen ähnlichen Aktionstag organisierte auch Marisa Biedermann mit ihrem Team von der AXA Versicherung als Auftakt zur Hörtest-Reihe im Unternehmen. Hier informierten Experten des Kölner Hörmobils, einer Initiative, die von Kölner HNO-Ärzten, Hörgeräteakustikern und dem Deutschen Schwerhörigenbund (DSB) unterstützt wird, rund ums Thema Hören. „Der offensive Umgang mit dem Thema Höreinschränkung ermutigt die Menschen, gegebenenfalls eigene Probleme eher anzugehen“, stellte die Medizinerin fest.

Gute Akustik erleichtert den Arbeitsalltag

Welche Möglichkeiten für eine gute Raumakustik sorgen, stellt der Leitfaden ebenfalls da. Betriebsmediziner, die zu Verbesserungen anregen wollen, erfahren hier mehr über Einflussgrößen für gute Raumakustik und können nachlesen, welche Richtlinien und Empfehlungen es etwa für Schallschutz und Hörsamkeit in Büroräumen gibt. Wie die Bedingungen für gutes Hören und Kommunizieren konkret umgesetzt werden können, wird sowohl für Neubauvorhaben wie auch für vorhandene Räumlichkeiten erklärt. Praxisbeispiele belegen, wie die Nachrüstung in einem bestehenden Gebäude aussehen kann. So ist etwa dokumentiert, in welchen Schritten eine schwerhörige Mitarbeiterin in ihrem Büro zu einer Lösung gelangte. Dort entstanden störende Schallreflexionen, die das Sprachverstehen extrem erschwerten. Mit Unterstützung des Integrationsamtes führten Akustikberater eine Raumanalyse durch. Als Ergebnis wurden schallabsorbierende Wandpaneele über dem Schreibtisch der Mitarbeiterin angebracht, die die Akustik deutlich verbesserten.

Technik unterstützt die uneingeschränkte Kommunikation

Zum barrierefreien Hören und Kommunizieren gehören auch technische Lösungen. Um Menschen mit Höreinschränkungen die Teilnahme an Konferenzen und Besprechungen uneingeschränkt zu ermöglichen, sind Anlagen zur technischen Hörunterstützung erforderlich. Sie können Wortbeiträge der Teilnehmer direkt auf die Hörgeräte des Zuhörers oder ausgeteilte Kopfhörer übertragen. Störgeräusche wie etwa Rascheln und Husten kann ein hörbehinderter Teilnehmer, selbst wenn er mit einem Hörgerät ausgestattet ist, nur schwer filtern. Durch die direkte Übertragung sind sie ausgeschaltet. Die Tonsignale werden je nach Höranlage über Induktionsschleife, Funkwellen oder Infrarot-Lichtstrahlen übertragen. Der Leitfaden erklärt, welche Anlagen für welche Verwendung geeignet sind. Auch hier haben die Projektmitarbeiterinnen von hörkomm.de Vorhaben begleitet und als Best-Practice-Beispiel aufgenommen. So geht es etwa um die Einschätzung eines Akustikberaters zum Einsatz einer induktiven Höranlage bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hamburg. Hier soll ein Neubau entstehen, die Planungsgruppe, der unter anderen die Schwerbehindertenvertreterin der KV angehört, lässt sich vom Akustikexperten zur induktiven Höranlage beraten.

Online-Leitfaden und Checklisten verfügbar

Alle Maßnahmen in den verschiedenen Bereichen werden im Online-Leitfaden ausführlich erläutert und als komprimierte Tipps in Checklisten kurz und knapp zusammengefasst. Zudem bietet er weitere Informationen, etwa zu den unterschiedlichen Typen von Hörgeräten und ihrer Finanzierung. Von Beratungsstellen der Selbsthilfe, über Forschungskontakte und Kostenträger bis hin zu Akustikexperten und Anbietern von Höranlagen oder schallabsorbierenden Materialien reicht die Liste wichtiger Adressen. So unterstützt das Projekt alle, die sich darum bemühen, dass das Hören und Kommunizieren am Arbeitsplatz kein Stressfaktor, sondern eine uneingeschränkte Selbstverständlichkeit wird.

Info

Das Projekt hörkomm.de unterstützt Unternehmen und schwerhörige Menschen bei der Schaffung hörfreundlicher Arbeitsumgebungen. Es wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert und vom Hamburger Forschungsunternehmen DIAS GmbH durchgeführt.

Auf der Internetseite www.hörkomm.de finden Sie neben Informationen rund um das Thema Hören den Leitfaden „Barrierefrei hören und kommunizieren in der Arbeitswelt“. Er richtet sich an Verantwortliche in Unternehmen und gibt praxisnahe Handlungsempfehlungen für eine hörfreundliche Umgebung, etwa in den Bereichen Unternehmenskultur, Raumakustik und Kommunikationstechnik. Vom Projekt begleitete Praxisbeispiele zeigen, welche guten Lösungen es in Unternehmen bereits gibt.

Weitere Informationen bei: Heike Clauss, DIAS GmbH, Projekt hörkomm.de, Tel: +49 (40) 43 18 75 15, clauss@dias.de

Literatur:

Sohn, W.: Aktueller Stand der Schwerhörigkeit in Deutschland. Hörakustik 2000; 3: 6-7.

Sohn, W., Jörgenshaus, W.: Schwerhörigkeit in Deutschland. Repräsentative Hörscreening-Untersuchung bei 2000 Probanden in 11 Allgemeinpraxen. Z. All. Med. 2001; 77: 143-147