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Was tun, wenn das Gehör nachlässt?

Wen die eigene Hörfähigkeit im Stich lässt, der ist nicht selten erst einmal ratlos. Doch die Veränderung sollte nicht ignoriert werden, denn das hat Folgen für das Gehör. Und es gibt Möglichkeiten, die Hörsituation zu verbessern

Eine beginnende Hörminderung wird von vielen Betroffenen zunächst gar nicht wahrgenommen. Besonders die altersbedingte Schwerhörigkeit entwickelt sich erst allmählich. Häufig sind es dann Hinweise aus dem Umfeld, wie etwa von Angehörigen oder Kollegen, die darauf deuten, dass man nicht mehr so gut hört. Im Folgenden wird beschrieben, wie man einen beginnenden Hörverlust bemerkt und was man dagegen tun kann. Dabei spielt die Auswahl eines geeigneten Hörgerätes eine bedeutende Rolle, die hier ebenfalls erläutert wird.

I. Wie erkenne ich eine beginnende Hörminderung?

Mit zunehmendem Alter kann sich das Gehör verschlechtern. Die Hörminderung geschieht meist schleichend und in größeren Zeitfenstern. In solchen Fällen ist es für Betroffene schwer einzuschätzen, wann sie ihr Hörvermögen von einem Experten überprüfen lassen sollten. Doch es gibt einige Hinweise, die dabei helfen können, einen beginnenden Hörverlust zu erkennen. Sie sollten zum Anlass genommen werden, die eigene Kommunikationsfähigkeit im Alltag zu beobachten. Dabei lohnt es sich auf folgende Punkte zu achten:

  • Werden Sie von Angehörigen oder Partnern öfter darauf hingewiesen, dass Ihr Fernseher zu laut eingestellt ist?
  • Treten öfter Missverständnisse in Gesprächen auf?
  • Fällt es Ihnen zunehmend schwer, Gesprächen zu folgen?
  • Haben Sie das Gefühl, dass viele Ihrer Gesprächspartner undeutlich sprechen, nuscheln?
  • Überhören Sie manchmal das Klingeln des Telefons oder die Türklingel?
  • Empfinden Sie die Kommunikation in Besprechungen und auf Veranstaltungen zunehmend als anstrengend und sind Sie versucht, solchen Ereignissen fernzubleiben?

Auf eine beginnende Höreinschränkung reagieren

Wer auf erste Hinweise stößt, dass das Gehör nachlässt, sollte einen Fachmann aufsuchen. Das kann im ersten Anlauf ein Hörgeräteakustiker sein, der einen kostenlosen Hörtest, eine Audiometrie, durchführen kann. Doch zur endgültigen Abklärung einer Hörschädigung wird ein Besuch beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt empfohlen. Nur er kann eine vollständige Diagnose stellen und notwendige Maßnahmen zur Unterstützung der Hörleistung in die Wege leiten, wie die Verordnung eines Hörgerätes.

Mit der Überprüfung seines Gehörs sollte man nicht zu lange warten. Schon bei den ersten Anzeichen einer Veränderung ist ein Hörtest ratsam. Denn besteht eine Hörminderung schon über eine längere Zeit, hat das auch eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten zur Folge, die zur Verarbeitung der Schalleindrücke nötig sind. Einfach gesagt: Das Gehirn verlernt zu hören. Es weiß nicht mehr, wie laut die Umgebung ist und kennt verschiedene Geräusche nicht mehr. Eine frühzeitige Versorgung mit Hörgeräten kann die Verschlechterung des Gehörs bremsen. Zudem lässt sich belastender Stress, der durch das schlechte Hören im Alltag bei dem Betroffenen und seiner sozialen Umwelt entsteht, vermeiden.

Info

Die hier vorgestellten Fakten und Empfehlungen stammen aus der Arbeit des Projektes hörkomm.de. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. Es identifiziert Barrieren für Hörgeschädigte in Unternehmen, erarbeitet Lösungsansätze und erprobt diese praktisch in Betrieben. Ergebnis ist ein Leitfaden für Unternehmen zur Schaffung hörfreundlicher Arbeitsumgebungen. Er ist in einer ersten Version bereits im Internet veröffentlicht. Bis zum Projektabschluss zum Anfang 2015 wird er stetig aktualisiert und ergänzt.
Weitergehende Informationen finden Sie auf der Internetseite www.hörkomm.de

II. Wie Hörgeräte helfen können

Wer schlecht hören kann, fühlt sich bei bestimmten Gesprächssituationen oftmals ausgegrenzt. Doch technische Hilfsmittel können die Hörsituation erheblich verbessern. An erster Stelle stehen hierbei die Hörgeräte.
Moderne Hörgeräte, auch als Hörsysteme bezeichnet, sind heutzutage sehr klein und äußerst effektiv. Neben ihren Grundfunktionen verfügen sie über viele Zusatzfunktionen, die für verschiedene Sprechsituationen, wie etwa das Telefonieren, erforderlich sind.  Zwar können die Geräte das gesunde Hörvermögen nicht wieder herstellen oder ersetzen, und ihr Nutzer muss sich an das Hören mit ihnen gewöhnen. Dennoch sind sie eine unverzichtbare Unterstützung. Je nach Art und Grad der Hörminderung können sie die Kommunikationsfähigkeit in vielen Situationen erleichtern und somit die Lebensqualität der Betroffenen steigern.

Die Leistung von Hörgeräten

Tonsignale verstärken. Menschen mit einer Schwerhörigkeit können die Schallsignale aus ihrer Umwelt erst ab einer bestimmten Lautstärke wahrnehmen. Diese müssen um einiges lauter sein als bei Menschen mit gutem Gehör. Doch es reicht nicht aus, alle akustischen Signale einfach zu verstärken, also lauter wiederzugeben. Dies würde dazu führen, dass sehr laute Signale, wie etwa eine Polizeisirene, als unerträglich empfunden würden. Hörsysteme müssen also in Abhängigkeit von der Lautstärke des Eingangssignals den Schall ausreichend, aber keinesfalls zu laut verstärken.
Deshalb wird vor der Hörgeräte-Anpassung die sogenannte Unbehaglichkeitsschwelle des Hörgeräte-Empfängers ermittelt. Sie bezeichnet denjenigen Pegel eines akustischen Signals, ab dem dieser als unangenehm laut empfunden wird. Dieser Schwellenwert ist individuell verschieden. Bei den meisten Normalhörenden liegt er bei etwa 90 bis 100 Dezibel (dB), wobei er auch nach der Frequenz differiert. Die Schallverstärkung in einer individuell geeigneten Lautstärke stellt für die heute auf dem Markt befindlichen Hörgeräte kein Problem dar.

Frequenzen verstärken. Neben der Lautstärke muss das Hörgerät gezielt die Frequenzen verstärken, die nicht mehr so gut gehört werden. Eine Schwerhörigkeit ist nicht bei allen Tonhöhen gleichmäßig ausgeprägt. So werden beispielsweise bei der altersbedingten Innenohr-Schwerhörigkeit meistens die hohen Töne nicht mehr so gut gehört wie tiefe Töne.
Seit Ende der 1990er-Jahre gibt es volldigitale Hörgeräte. Sie können den jeweiligen Hörverlust in unterschiedlichen Frequenzbereichen exakter und gezielter kompensieren als frühere Modelle.

Störgeräusche filtern. Eine besondere Schwierigkeit für Hörsysteme stellt das Herausfiltern von Störgeräuschen dar. Typische Situationen sind etwa Unterhaltungen bei lauten Straßengeräuschen oder Gespräche in belebten Restaurants. Das Filtern der relevanten akustischen Sprachsignale, also etwa das Heraushören der Stimme des Freundes, mit dem man sich unterhält, erfolgt bei Normalhörenden unter sehr komplexen Verarbeitungsmechanismen. In der Hörgerätetechnologie gibt es verschiedene Ansätze, den sogenannten Nutzschall und den Störschall zu unterscheiden. Aktuelle Hörgerätetechniken bieten hierzu besondere Funktionen an, die das Sprachverstehen in akustisch schwierigen Situationen deutlich verbessern können. Trotzdem stellt das Hören in Situationen mit starkem Störschall für Hörgeräteträger oft eine besondere Herausforderung dar.

Funktion und Bauformen von Hörgeräten

Die wichtigsten Bestandteile des Hörgerätes sind das Mikrofon, der Verstärker und der Lautsprecher. Das oder die Mikrofone nehmen die Schallsignale auf. Bei den digitalen Hörsystemen werden die Signale über einen Mikroprozessor umgewandelt und dem individuellen Bedarf nach verstärkt. Der Lautsprecher überträgt den verstärkten Schall über ein individuelles Ohrpassstück in den Gehörgang und somit an das Trommelfell. Betrieben werden die meisten Hörsysteme durch kleine Batterien, deren Kapazität je nach Gerät und Verstärkungsbedarf zirka sechs bis 14 Tage anhält. Dann müssen sie ausgetauscht werden. Zu den gefragten Bauformen von Hörsystemen gehören die Hinter-dem-Ohr- und die Im-Ohr-Geräte.

Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte sind in Deutschland die am häufigsten verbreiteten Bauformen. Bei ihnen sitzen die Mikrofone, Verstärker und Lautsprecher in einem Gehäuse hinter dem Ohr. Über einen transparenten Schallschlauch wird der Schall in ein Ohrpassstück im äußeren Gehörgang geleitet. Das Ohrpassstück, auch Otoplastik genannt, wird individuell vom Hörgeräteakustiker an den Gehörgang angepasst. Bohrungen in der Otoplastik sollen die Belüftung des Gehörgangs gewährleisten. Das Hinter-dem-Ohr-Gerät eignet sich bei leichter, mittlerer und hochgradiger Hörminderung.
Bei leichterer Hörminderung kann für das Ohrstück die sogenannte offene Versorgung gewählt werden. Sie erfolgt entweder durch maßangefertigte Otoplastiken, die den Gehörgang weitestgehend offenhalten oder durch kleine schirmförmige Standard-Halte-Elemente, die den Schallschlauch im Gehörgang abstützen, diesen aber nicht verschließen.

Im-Ohr-Geräte werden vollständig in der Ohrmuschel oder im Gehörgang getragen. Alle Bauteile befinden sich in einer maßangefertigten Im-Ohr-Otoplastik, die in den Gehörgang eingeführt wird. Dabei gibt es unterschiedliche Größen: Die Spanne reicht von sogenannten Concha-Geräten, die die gesamte Ohrmuschel (Concha) ausfüllen, bis hin zu winzigen Gehörgangs-Geräten (CIC: Completely in the Canal), die von außen fast nicht mehr zu sehen sind. Diese Geräte haben meist einen Nylonzugfaden, um das Hörsystem bei Nichtgebrauch wieder aus dem Gehörgang ziehen zu können. Sie eignen sich für eine leichte bis mittelgradige Hörminderung.

Weitere Infos unter anderem zu Vorteilen von Hinter-dem-Ohr- und Im-Ohr-Geräten unter www.hoerkomm.de/welche-hoergeraetetypen-gibt-es

Notwendige Ausstattungsmerkmale. Hörsysteme, die von der Krankenkasse bezuschusst werden, müssen über bestimmte Ausstattungsmerkmale verfügen. Dazu gehören mindestens drei Hörprogramme für unterschiedliche Hörsituationen, wie etwa zum Musik hören oder zum besseren Sprachverständnis bei Störgeräuschen. Sowie mindestens vier Frequenzkanäle, so dass die Verstärkung an die jeweiligen Bedürfnisse des Trägers angepasst werden kann. Auch die Unterdrückung von Störlärm und dem unangenehm pfeifenden Rückkopplungston muss möglich sein.
Da Hörgeräte immer kleiner werden und immer weniger Platz für Bedienelemente haben, werden von den Herstellern auch Fernbedienungen mit individuellen Einstellmöglichkeiten angeboten.

Hörgeräte mit hilfreichen Schnittstellen

Besonders für den Beruf sind Hörgeräte mit Schnittstellen zu empfehlen. Sie ermöglichen den direkten Empfang von Sprache aus unterschiedlichen Audioquellen, wie Telefon, Tonübertragungsanlagen in Besprechungsräumen, Computer, Radio oder Fernsehen auf das Hörgerät. Das Sprachverstehen wird hierdurch deutlich verbessert und störende Nebengeräusche ausgeblendet. Die verschiedenen Angebote sind mit unterschiedlichen Kosten verbunden. Die Auswahl eines passenden Gerätes richtet sich nach den jeweiligen Anforderungen des Nutzers, daher sollte er sich ausführlich von einem Hörgeräteakustiker beraten lassen. Folgende Schnittstellen stehen zur Verfügung.

Die Telefonspule, T-Spule oder Induktionsspule ist ein vor allem in vielen Hinter-dem-Ohr-Geräten integriertes Bauteil. Sie unterstützt das Telefonieren, indem sie das elektromagnetische Feld von Telefonen abfängt und als Sprachsignale direkt an das Ohr weitergibt. Der Lautsprecher im Telefonhörer oder Mobiltelefon wird somit umgangen und die Klangqualität sowie das Sprachverstehen beim Telefonieren wesentlich verbessert. Allerdings erzeugen nicht mehr alle Telefone ein ausreichendes elektromagnetisches Feld.

Über die Telefonspule lassen sich ohne weitere Zusatzgeräte auch induktive Höranlagen nutzen. Sind Besprechungs- oder Veranstaltungsräume mit entsprechenden Ringschleifenanlagen ausgestattet, können die Wortbeiträge der Teilnehmer direkt auf dem Hörgerät empfangen werden. Störende Nebengeräusche werden so ausgeblendet. Zur Nutzung muss die Telefonspule am Hörgerät eingeschaltet werden.

Zudem können Audioquellen wie FM-Anlagen,Telefone oder Fernseher mittels einer technischen Ergänzung, der Halsringschleife oder Umhänge-Induktionsschleife, genutzt werden. Diese wird um den Hals getragen und wandelt elektrische Sprachsignale in elektromagnetische Spannung um. Halsringschleifen werden über Kabel oder auch drahtlos an die Audioquellen angeschlossen.

Der Audioeingang eines Hörgerätes ermöglicht die Verbindung mit externen Audioquellen über Kabel oder Funk. Ein Audioeingang ist nur bei Hinter-dem-Ohr-Geräten möglich. Benötigt wird meist ein zusätzlicher Adapter, der sogenannte Audioschuh, der direkt auf das Hörgerät gesteckt wird. Per Kabel oder auch drahtlos lassen sich dann Geräte wie Telefon, Radio, Fernsehen oder Zusatzmikrofone verbinden.

Hörgeräte mit Bluetooth-Verbindung sind ab der mittleren Preisklasse erhältlich. Mit der Bluetooth-Technologie lassen sich Sprache und Musik aus anderen bluetoothfähigen Audioquellen, wie Telefon, Handy, Fernseher oder Computer auf kurze Entfernungen drahtlos auf das Hörgerät übertragen. Hierfür wird meist ein kleines Gerät (Streamer, Transmitter) zwischengeschaltet, das Signale der Audioquellen empfängt und an das Hörgerät weitergibt. Zurzeit gibt es unterschiedliche Bluetooth-Standards, deswegen sollte die Kompatibilität der zu nutzenden Geräte, wie Handy, Hörgerät oder Streamer vorab geprüft werden. Auch eine Anbindung an induktive Höranlagen, FM- und Infrarot-Anlagen ist über Bluetooth möglich.

III. Tipps für die Suche nach dem passenden Hörgerät

Die Auswahl von geeigneten Hörgeräten ist ein längerer Prozess, der die Unterstützung von Spezialisten erforderlich macht, den Hörgeräteakustikern. Ihr Fachwissen trägt dazu bei, individuelle Lösungen für das Hörvermögen und die Hörbedürfnisse ihrer Kunden zu finden.

Dafür nutzen sie die Daten aus der eingangs durchgeführten Höruntersuchung. Zudem erfassen sie die individuellen Hörbedürfnisse ihrer Kunden in einem Beratungsgespräch oder mittels eines Fragebogens.

Daher ist es hilfreich, sich vor einem Besuch beim Spezialisten über folgende Punkte Klarheit zu verschaffen:

  • In welchen Situationen fühlen Sie sich durch das schlechtere Hören besonders eingeschränkt – etwa in Gesprächen bei lautem Hintergrundlärm oder beim Fernsehen?
  • In welchen Situationen ist es für Sie besonders wichtig, besser zu hören – etwa in Gesprächssituationen bei der Arbeit, beim Telefonieren oder bei Konzertbesuchen?
  • Welche Rolle spielt der kosmetische Aspekt? Soll das Hörgerät möglichst nicht auffallen oder ist das egal?
  • Sind extreme Anforderungen, wie Nässe, Schweiß, Staub, Erschütterungen oder Ähnliches durch Arbeit oder Sport zu erwarten?

Bei der Wahl eines Hörgeräteakustikers sollte bedacht werden, dass für den Prozess der Anpassung mehrere Besuche notwendig sind. Auch nach dem Kauf der Hörgeräte folgt eine kontinuierliche Nachsorge durch den Akustiker. Daher empfiehlt es sich, einen Akustikerbetrieb in der Nähe auszuwählen.

Wenn der erste Eindruck nicht positiv ist oder auch im Laufe der Versorgung Zweifel kommen, sollte man sich nicht scheuen, den Akustikerbetrieb zu wechseln. Abzuraten ist von einer Hörgeräteanpassung durch den HNO-Arzt oder seiner Mitarbeiter. Diese sind in der Regel dafür nicht ausgebildet und das Sortiment ist beschränkt.

Hörgeräte zunächst zur Probe tragen. Aufgrund der gesammelten Daten wird der Akustiker Geräte zum Probetragen vorschlagen, meist wird für jedes Ohr ein Hörgerät benötigt. Liegt die Entscheidung bei Im-Ohr-Geräten oder werden Ohrpassstücke benötigt, fertigt der Akustiker zunächst einen Ohrabdruck an.

Im Laufe des Anpassungsprozesses sollten verschiedene Geräte zum Probetragen angeboten werden. Sie sollten dann in jeweils unterschiedlichen Hörsituationen ausprobiert und die Erfahrungen mit ihnen in verschiedenen Umgebungen und Situationen protokolliert werden. Das erleichtert im Nachhinein die Auswahl der geeigneten Geräte. Obwohl der Service des Probetragens keine Pflichtleistung der Krankenkasse ist, werden in der Regel keine Kosten berechnet.

Auch auf das Probetragen eines zuzahlungsfreien Hörgerätes sollte man nicht verzichten. Der Akustiker ist aufgrund der Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet, auch ein dem aktuellen technischen Standard entsprechendes und zur Versorgung des Hörverlustes geeignetes, eigenanteilfreies Gerät anzubieten. Je nach individueller Anforderung können diese Geräte durchaus empfehlenswert sein.

Die gleitende Anpassung von Hörgeräten ist vor allem bei einer Versorgung mit Erstgeräten wichtig. Denn das Gehör muss sich erst wieder an die lauteren Schalleindrücke gewöhnen. Deswegen wird das Hörgerät zu Beginn nicht auf die maximal benötigte Lautstärke gestellt, sondern die Verstärkungsleistung wird in den ersten Wochen und Monaten schrittweise angehoben. Wenn mit dem Probegerät keine offensichtliche Hörverbesserung erzielt wurde, kann dies also auch an der gleitenden Anpassung des Gerätes liegen. Der Hörgeräteakustiker sollte gemeinsam mit dem Kunden eine geeignete Einstellung finden.

Ein zusätzliches Hörtraining oder eine Audiotherapie kann den Erfolg der Hörgeräteanpassung unterstützen. Diese Zusatzleistungen werden von einigen Hörgeräteakustikern angeboten. Ziel des Hörtrainings ist es, das Sprachverstehen zu verbessern. Durch systematische akustische Anregung sollen Hörnerv und Gehirn quasi trainiert werden. Das Hörtraining sollte möglichst parallel zur Hörgeräteanpassung stattfinden. Es kann die Gewöhnung an die neuen Höreindrücke erleichtern und damit die Akzeptanz von Hörgeräten verbessern.

Die Entscheidung für ein Hörgerät ergibt sich nach sorgfältiger Auswertung. Der Hörgeräteakustiker überprüft die Eignung der erprobten Hörgeräte durch Hör- und Sprachtests und erstellt abschließend einen Anpassbericht. Die Ergebnisse der Hörmessungen können als Entscheidungsgrundlage für die Auswahl von Hörsystemen genutzt werden. Wesentlich ist aber auch das subjektive Empfinden der Hörsystemträger, denn die Messungen des Hörgeräteakustikers spiegeln nicht zwangsläufig das Sprachverstehen in realen Situationen wider. Zudem spielen individuelle Präferenzen, wie beispielsweise der Klang des Gerätes oder der Tragekomfort, eine große Rolle für die spätere Akzeptanz – also für das dauerhafte Tragen der Hörsysteme. Der Anpassbericht ist die Voraussetzung für die Übernahme des Festbetragssatzes der entsprechenden Krankenkasse.

IV. Die Finanzierung eines Hörgerätes

Bei der Finanzierung von Hörgeräten stehen die Krankenkassen im Fokus. Sie übernehmen für die Dauer der regelmäßigen Nutzungszeit von sechs Jahren auch die Nachbetreuung durch den Hörgeräteakustiker.
Zur Nachbetreuung gehören Serviceleistungen wie die Reinigung der Otoplastiken, Batterie- und Schallschlauchwechsel, Nachbearbeitung und Erneuerung der Otoplastik, das Nachjustieren der Geräte und gegebenenfalls neue Hörmessungen. Die Nachsorge sollte in regelmäßigen Abständen zunächst vierteljährlich, später halbjährlich wahrgenommen werden.

Der Festbetrag, den die Krankenkassen für Hörgeräte für einen schwerhörigen Versicherten über 18 Jahre zahlen, sind im November vergangenen Jahres angehoben worden. Sie liegen bei 784,94 Euro pro Ohr inklusive Mehrwertsteuer (733,59 Euro netto). Bei einer beidseitigen Versorgung wurde für das zweite Hörgerät ein Abschlag von 146,72 Euro netto festgelegt. Der Aufwand für Basisleistungen der Nachsorge ist im Festbetrag enthalten. Das Hörgerät muss folgende technische Anforderungen besitzen: Es muss Digitaltechnik nutzen, mindestens vier Kanäle und drei Hörprogramme anbieten, Rückkopplung und Störschall unterdrücken sowie die Leistung  auf maximal 75 Dezibel verstärken können.

Der Deutsche Schwerhörigenbund e.V. weist darauf hin, dass die Krankenkassen verpflichtet sind, auch höhere Kosten für Hörgeräte zu erstatten, wenn die Festbeträge nachweislich nicht ausreichen. So hat das Bundessozialgericht im Jahr 2009 entschieden, dass die Versicherten einen Anspruch auf Geräte haben, die die bestmögliche Angleichung an das Hörvermögen Gesunder erlauben. Detaillierte Informationen zur aktuellen Rechtsprechung und zur Beantragung von Hörhilfen sind in der Rubrik Hörgeräteversorgung des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V. zu finden: www.schwerhoerigen-netz.de

Zusätzlich zu Hörgeräten gibt es weitere technische Hilfen, die Menschen mit Höreinschränkungen besonders am Arbeitsplatz die Kommunikation erheblich erleichtern. Umfassende Informationen, Erläuterungen und Checklisten zur Umsetzung einzelner Maßnahmen finden Sie unter www.hörkomm.de

Ann-Britt Petersen