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Leben mit Schwerhörigkeit - Alltagserfahrungen

Wie sich eine Hörminderung bemerkbar macht, wie sie sich auf Alltag und Beruf auswirkt und wie man sich der Einschränkung stellen kann, schildern drei betroffene Menschen und eine Hörberaterin des Schwerhörigenbundes in Hamburg.

„Da könnte mit den Ohren etwas nicht in Ordnung sein“, dachte sich Peter W. Der IT-Systemadministrator bemerkte schon seit längerem, dass er den Gesprächen im Meeting nicht mehr so gut folgen konnte. Und dass er bei Unterhaltungen in der Firma öfter mal nachfragen musste, weil er etwas nicht verstanden hatte. Besonders, wenn er mit einer Kollegin redete, die für seine Ohren sehr leise sprach. Er nahm das zunächst nicht allzu ernst, im Büro kam er mit seinem Hörvermögen trotzdem noch einigermaßen zurecht.

Doch im Familienalltag häuften sich die Missverständnisse. Er gab auf die Fragen seiner Frau scheinbar zusammenhanglose Antworten, denn er verwechselte ähnlich klingende Worte. Den Ton des Fernsehers stellte er so laut ein, dass es die anderen Familienmitglieder schon in den Ohren schmerzte. „Dabei hörte sich das für mich normal an, ich habe es gar nicht als zu laut wahrgenommen“, erinnert sich der 50-Jährige.

Ähnlich erging es auch Manuela Seidel. „Eines Tages bat mich mein Mann, nicht so laut zu sprechen, ja fast zu schreien“, erinnert sich die Erzieherin. Sie selbst meinte sich in normaler Lautstärke sprechen zu hören. Sie begann sich zu beobachten und bemerkte, dass ihr Gehör sie öfter im Stich ließ. Etwa bei der Arbeit in der Kita, wo sie mehrmals das Telefon überhörte. Oder nicht reagierte, wenn sie jemand von hinten ansprach.

Die Hörschwäche fällt oft zuerst der Außenwelt auf

Peter W. ging zu einem Hörgeräteakustiker und machte dort einen kostenlosen Hörtest. Schon beim ersten Test, bei dem er über Kopfhörer Töne in verschiedenen Frequenzen und Lautstärken vorgespielt bekam, zeigten sich Defizite. Weitere Tests bestätigten, dass Peter W. eine mittelgradige Schwerhörigkeit aufwies. In diesem Fall sind Hörgeräte angezeigt und können von der Krankenkasse gefördert werden.

Manuela Seidel konsultierte zunächst einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Er stellte eine hochgradige Schwerhörigkeit auf dem linken Ohr und eine mittelgradige Schwerhörigkeit auf dem anderen Ohr fest. „Er war erstaunt, dass ich bei unserem Gespräch  überhaupt noch so viel verstand. Ich hatte mir aber schon eine ganze Weile angewöhnt, instinktiv auf die Lippen meiner Gesprächspartner zu achten, um zu erkennen, was sie sagen“, erinnert sich Manuela Seidel. Mehr als vier Jahre hatte sie sich so beholfen. Nun schickte sie der Arzt mit der entsprechenden Verordnung umgehend zum Hörgeräteakustiker.

Menschen, bei denen sich im Laufe ihres Lebens allmählich eine Schwerhörigkeit einstellt, werden oft zuerst von anderen auf ihre Hörschwäche aufmerksam gemacht. Doch bis die Betroffenen die Höreinschränkung selbst ernst nehmen, kann es dauern. Sich als Schwerhöriger zu outen, fällt vielen Menschen zunächst schwer, denn sie befürchten eine Stigmatisierung. Oft genug wird eine Hörschwäche auch heute noch mit Alter und Gebrechlichkeit gleichgesetzt. „Im Schnitt dauert es zehn Jahre und mehr von dem Zeitpunkt, an dem eine Schwerhörigkeit festgestellt wird, bis zum Aufsuchen eines Hörgeräteakustikers“, weiß Bettina Grundmann, Beraterin des Bundes für Schwerhörige in Hamburg und selber schwerhörig.

Das Gehirn muss wieder hören lernen

Doch je länger die Betroffenen damit warten, umso schlechter ist es für ihr Gehör. „Leider verlernt das Gehirn zu hören. Es weiß nicht mehr, wie laut die Umgebung ist. Es kennt die verschiedenen Geräusche nicht mehr. Wenn erst nach vielen Jahren ein Hörgerät angepasst wird, sind viele Betroffene überfordert“, erklärt Bettina Grundmann. „Geräusche können nicht mehr einsortiert werden, es ist nur noch laut um einen herum.“

Und das führt nicht selten zum Phänomen der sogenannten Schubladengeräte. Die Geräte werden dann gar nicht oder nur zu bestimmten Anlässen genutzt, etwa beim Termin mit dem Chef. „Beim gelegentlichen Tragen der Geräte bekommt das Gehirn jedoch keine Möglichkeit, sich überhaupt an die Geräusche zu gewöhnen. Deshalb sollte die Anpassung und das Tragen der Geräte nicht zu lange aufgeschoben werden, „das ist schlicht und einfach verlorene Zeit“, sagt Bettina Grundmann.

Plötzlich ein anderes Hörgefühl

Manuela Seidel gab nicht so schnell auf. „Als ich mit den ersten Probegeräten den Akustikladen verließ, bekam ich zunächst  einen Schock, denn der Verkehrslärm, der von der angrenzenden Straße zu mir herüberdrang, war so laut, dass ich glaubte, mit den Hörgeräten stimmt etwas nicht“, erinnert sie sich. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die Geräte gewöhnte, ein dosiertes Tragen half dabei. „Anfangs trug ich die Hörgeräte stundenweise, denn die Reizüberflutung strengte mich sehr an, das wurde allmählich besser“, sagt Manuela Seidel.

Auch Peter W. hatte ein anderes Hörgefühl, als er den Akustiker mit seinen ersten Probegeräten verließ. „Ich hörte Dinge so laut und deutlich, wie nie zuvor, etwa das Gleiten einer Fahrradkette oder ein Gespräch zwischen Passanten auf der anderen Straßenseite“, sagt er. Die etwas zu laute Hörerfahrung ließ sich beheben, nachdem der Akustiker das Hörgerät leiser einstellte. Daraufhin testete Peter W. das Gerät zu allen Gelegenheiten, beim Gespräch im Alltag, in der Firma und abends beim Fernsehen. „Ich merkte deutlich einen Unterschied, das Hören wurde besser, ich erkannte, ich brauche Hörgeräte“, so Peter W.

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Problematische Gesprächssituationen

Dass er ein Hörgerät benötigt, war für Johann Ebner, Controller in einem internationalen Unternehmen, gar keine Frage. Infolge eines Hörsturzes ertaubte der 53-Jährige plötzlich auf einem Ohr, auf dem anderen wurde zudem eine leichtgradige Schwerhörigkeit  festgestellt. Er ließ sich ein Hörgerät anpassen. Auch wenn der Auswahlprozess noch nicht ganz abgeschlossen ist, kann er mit dem Hörgerät, das er zurzeit trägt, Gesprächen gut folgen, wenn sie etwa von Angesicht zu Angesicht in ungestörten, nicht hallenden Räumen stattfinden.

Häufig  trifft er sich mit mehreren Kollegen zu Besprechungen in Konferenzräumen mit vielen glatten Flächen, die den Schall nicht absorbieren und das Sprachverständnis verschlechtern. Oft sind über Lautsprecher auch internationale Kollegen per Telefon zugeschaltet, die nur englisch sprechen. Das sind Momente, die für Johann Ebner enorm anstrengend sind. „Weil ich nicht mehr binaural, also auf beiden Seiten hören kann, entfällt der Stereoeffekt“, sagt er. Aus diesem Grund kann er Geräusche nicht mehr fokussieren, nicht mehr die Richtung erkennen, aus der sie kommen. „Und was in solchen Gesprächssituationen  gravierender ist: ich kann Nebengeräusche, wie das Summen technischer Geräte, nicht mehr wegfiltern, so wie das bei einem Normalhörenden automatisch funktioniert“, schildert er seine Erfahrungen. Vieles muss er sich aus dem Kontext  herleiten, den er verstanden hat, und das ist in der Fremdsprache noch einmal schwerer als ohnehin schon in der Muttersprache. Wie viel Konzentration und damit Energie ihn das kostet, merkt Johann Ebner erst am Abend. War er vorher eine „Nachteule“, so fühlt er sich jetzt abends abgespannt und müde.

Was man außer einem Hörgerät sonst noch braucht

Nicht immer ist es also mit einem Hörgerät allein getan. „Hörgeräte sind nur eine Unterstützung, sie helfen dabei, überhaupt etwas zu verstehen, aber sie können das Gehör nicht ersetzen“, erklärt Bettina Grundmann. Deshalb sollten Betroffene sich auch über die weiteren technischen Hilfsmittel informieren, die das Hören erleichtern. Und zuallererst sollten sie ihrem Umfeld, das heißt Familie, Freunden und Kollegen mitteilen, welche Umstände ihnen das Verständnis und die Kommunikation besonders erschweren. Schon um sich selber zu schützen. „Es gibt selten Situationen im Alltag, in denen sich ein Schwerhöriger entspannt unterhalten kann“, sagt Hörberaterin Bettina Grundmann. Eine Anspannung ist immer vorhanden. Und sie ist bei einer Konferenz oder Besprechung noch größer. Eine Pause ist dann dringend angeraten, und das müsse auch den Kollegen, die als gut Hörende die Situation schwer nachvollziehen können, mitgeteilt werden. „Viele Betroffene überschreiten ihre Belastungsgrenze“, weiß Bettina Grundmann. Die ständige Überforderung kann letztlich auch zu einem Burn-out führen.

Lebensqualität zurückgewinnen

Betroffene, die ihre Höreinschränkung annehmen, können meist besser damit umgehen. So steht Manuela Seidel selbstbewusst zu ihrer Schwerhörigkeit. Sie weihte ihre Kollegen ein und muss sie gelegentlich an ihre Einschränkung erinnern. Ihr etwa ein Cent großes Hörgerät, das sie hinter dem Ohr trägt, ist kaum zu sehen. Deshalb sagt sie auch im Gespräch mit Eltern der Kita-Kinder manchmal: „Es tut mir leid, ich habe Sie nicht verstanden, ich höre schlecht und trage Hörgeräte.“ Johann Ebner verfolgt nach wie vor seine Hobbys, die ihm den nötigen Ausgleich zum Berufsalltag bringen. Neben sportlichen Aktivitäten wie Radfahren und Walken geht der Theaterfan mit seiner Frau auch gerne mal ins Kabarett, „ich kann zwar nicht immer jede Pointe verstehen, aber es macht trotzdem viel Spaß,“ sagt der Schleswig-Holsteiner. Peter W. testet noch einige Hörgeräte, bevor er sich endgültig entscheidet. Aber er merkt schon jetzt einen Unterschied. „Wenn ich die Geräte aus den Ohren nehme, etwa zum Sport oder beim Schlafen, ist das Hören dumpf, ich höre die hohen Frequenzen nicht mehr. Sie werden mit dem Hörgerät verstärkt und das ist ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität“, so der Familienvater.